"Nach der OP wachst du auf und nichts ist mehr wie es einmal war."
Ich mache die ersten zaghaften und vorsichtigen Schritte im Krankenzimmer, nichts schmerzt mehr, das Bein ist wieder gerade und das Gangbild entspricht dem eines "gesunden" Körpers. Fast zu schön um Wahr zu sein.
Die ganze Geschichte möchte ich jedoch 15 Jahre zuvor beginnen, als
ich das erste mal große Schmerzen in meiner Hüfte spürte. An Klettern war nicht zu denken. Wie ein Häufchen Elend lag ich auf meiner Yogamatte. Unfähig auch nur annähernd Übungen auszuführen, die ich so nötig für meine Beweglichkeit brauchte.
Der Besuch beim Orthopäden brachte Gewissheit: Eine in meiner Kindheit nicht diagnostizierte Hüftdysplasie. Ich sah genau die Dollarzeichen in seinen glänzenden Augen. "Sie benötigen mindestens eine, besser gleich beide Hüften neu." Ich bedankte mich artig und verschwand mit meinen Röntgenbildern. An der Rezeption stelle ich eine letzte Frage: "Wie viele Menschen, die bei ihnen hier raus gehen, lassen sich denn eine "neue" Hüfte einbauen?" Eigentlich alle, sagte die Dame bestimmt aber etwas verwundert, ob meiner Frage.
Wäre ich dieser Empfehlung gefolgt, würde ich heute bereits meinen Lebensabend mit Extremecouching verbringen.
"Es kann nicht sein, was nicht sein darf!"
Also beschäftigte ich mich ausgiebig damit, welche Möglichkeiten mir bleiben. Schnell stieß ich auf ein Buch zur Selbsthilfe bei Athrose. Dort war von Ernährungsumstellung und einer Stoffwechselkrankheit die Rede. Von gesunder Ernährung und viel Bewegung. An letzterer mangelte es ja nicht. Aber bitte richtig! Und nicht zu einseitig.
Nach vier leidvollen Wochen kam es dann fast zu einer Wunderheilung. Und mit 10 % weniger Körpergewicht ließ es sich richtig "leicht" klettern. Von Tag zu Tag fühlte ich mich besser und beweglicher. (Siehe hierzu meine vorigen Artikel in dieser Blog-Rubrik.)
Die Jahre vergingen und ich konnte zumindest den "status quo" halten. Ein großer Erfolg. Die Lebensqualität kehrte zurück.
Viele Jahre später folgten dann Lebensereignisse, nach denen sich der Körper innerlich verkrampfte. Die Blockaden ließen sich nicht mehr lösen. Ein langer Leidensweg begann. Dazu noch Midlifecrises und Wechseljahre, von denen sicher nicht nur Frauen betroffen sind.
Kurzum, die Zukunftsaussichten waren aus meiner Sicht knuckelduster. Das alles und noch so einiges mehr war und ist nicht leicht zu verdauen. Schon gar nicht, wenn man den Glauben an das gute in unserer Gesellschaft längst verloren hat.
Die Gespräche im Bekanntenkreis schienen sich nur noch um dieses einzige Thema zu drehen. 98 % aller, würden den leichtesten Weg gehen und ab unters Messer. Leicht gesagt, wenn man selbst nicht betroffen ist. Erst nach sehr vielen und teilweise intensiven Gesprächen, findet man auch Menschen, die solche Dinge durchaus etwas differenzierter und individueller betrachten. Und leider auch einige, bei denen die ganze "Sache" schief gelaufen ist. Von zehn Kletterern mit denen ich gesprochen hatte, klagten drei über größere Probleme. Eine davon war sogar "austherapiert" und für den Rest des Lebens ruhig gestellt. Ähnliches berichteten mir Physiotherapeuten. Natürlich sind dort auch viele unsportliche und übergewichtige Zeitgenossen dabei. Viele sehr betagte aber eben auch junge.
Drei, die ich persönlich kannte, griffen zur "ultima Ratio" und nahmen sich das Leben, ob der aus ihrer Sicht ausweglosen Situation. All das nagt gewaltig am sowieso schon zerfetzten Nervenkostüm und gibt mir zu denken.
Die Jahre vergingen und es wurde zusehens schwieriger überhaupt an den Fels zu gelangen und alpine Zustiege zu bewältigen.
Glücklicherweise haben wir in der Fränkischen kürzeste Zustiege und auch in der Dauphiné ist man oft in weniger als 30 Minuten am Einstieg.
Klettern war eigentlich nie so richtig das Problem. Mit einer guten Fußtechnik konnte ich mein Bein quasi hinterherziehen und für eine kleine Stabilisierung nutzen. Doch immer öfter war nach intensiven Belastungen Ruhe angesagt. Demütig und qualvoll, auf ein erfülltes Leben zurück blickend, versuchte ich zu akzeptieren. Mich quasi zu "verabschieden" von Leistungen, die ich niemals mehr erbringen werde. Von Touren und Gebieten, die ich nur noch aus der Ferne oder in meinen Büchern betrachten kann. Es waren qualvolle Jahre, die ins Land gingen. Am Ende des Tages reiße ich nicht selten ein unbeschriebenes Blatt aus dem Kalender. Das Leben was bisher so erfüllt und bunt war, zieht an mir vorbei. Unwiderbringlich sind die Tage an denen ich so viele wunderbare Dinge erleben durfte. Ja, es gibt sicher noch viel mehr als Klettern, Reisen und intensive Erlebnisse. Und oft denke ich darüber nach zu tauchen, mit einem Gleitschirm durch die Luft zu segeln. Die Erde von oben zu sehen, so wie von den höchsten Gipfeln auf denen ich stand. Sprachen endlich mal "richtig" lernen. Aber immer wieder kehren die Gedanken zum Klettern zurück. Bewegungen, die mir so viel Freude bereiteten. Die intensiven Erlebnisse in den Bergen der Welt. Das alles aufzugeben war für mich nie eine Option!
Jahr um Jahr schob ich das Unvermeidliche vor mir her. Ich hatte mich, entgegen aller "guten" Ratschläge entschieden, so lange damit zu warten, bis wirklich fast nichts mehr ging. Bis so langsam Kollateralschäden am ganzen Bewegungsapparat zu befürchten waren. Einen solchen Eingriff kann man nun mal nicht mehr rückgängig machen. Geht er schief, sitzt du im Rollstuhl. Für einen freiheitsliebenden Menschen mit unbändigem Bewegungsdrang also keine Option.
Rückblickend sagen viele: "Hätte ich nur früher..." Dem kann ich nicht beipflichten. Ich brauchte die Zeit um das alles zu verarbeiten. Mich darauf vorzubereiten.
Nicht ganz aus heiterem Himmel kam dann im Mai 2026 der Tag, an dem ich mein Bein nicht mehr auf den nächsten Tritt hiefen konnte. Humpelnd schleppte ich mich hinunter ins Ziegenfelder Tal, wo unser Auto stand, dass sich selbst nicht mehr in der Lage war zu fahren. Im Kopf eine unendliche Leere. Die Entscheidung war gefallen! Glücklicherweise kennen wir einen Chefarzt, der mir zeitnah zu einem OP-Termin verhalf und dem ich vertrauen konnte, dass er handwerklich sein "Bestes" gibt, erfahren genug ist und bereits hunderte dieser OP's mit modernster, minimalinvasiver Technik durchführte.
Innerlich war ich ruhig und gefasst, wie selten in den letzten Jahren. Es erstaunte mich selbst. Nicht die geringste Nervosität bis mich der Anästhesist mit der Frage nach meinem letzten Urlaub schlafen legte. Drei Tage zuvor waren wir noch einmal in den Dolomiten für 10 Tage zum klettern. Ich hatte nur wenig Schmerzen. Und nun wache ich auf und kann wieder gehen...
Es war Montag, der 15 Juni. Fast genau ein Jahr, nachdem ich mein Haus verkaufte, um in ein kleines Tinyhaus zu ziehen und einen letzten Lebensabschnitt zu beginnen.
Maineck, am ersten Julitag 2026 - Fortsetzung folgt!
Ich kann noch nicht sagen, wie sich alles weiter entwickeln wird. Es wird dabei sicher wieder Höhen und Tiefen geben. Ohne hoffentlich allzugroße Rückschläge. Das Leben geht weiter. Auch wenn nichts mehr ist, wie es einmal war...
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