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Indien - Land des Hupens

 

Im August war ich in Indien – allen Vorurteilen zum Trotz: laut, dreckig, zu viele Menschen, Armut überall und bestimmt auch Krankheiten. Und was soll ich sagen? Die meisten Vorurteile haben sich bestätigt. ;-)

 

Aber es gab auch viel Schönes und Interessantes zu sehen. Nach­folgend ein kleines Glossar – will­kürlich ausgewählt, unvollständig und hoch­gradig subjektiv.

 

 

 

Ampeln: Scheinen als ganzjährige Weihnachts­beleuchtung verstanden zu werden. Leider nur in den Farben rot und grün verfügbar; somit auf Dauer langweilig und für den Straßenverkehr ohne nennenswerte Bedeutung.

 

 

 

Betteln: Es gibt ca. 1,2 Milliarden Inder, so dass selbst bei einem recht geringen Armutsanteil verdammt viele Menschen nicht genug zu essen hätten; bei einem Anteil von 69 % armen (und sogar 30 % extrem armen) Menschen bleibt es indes nicht aus, dass man täglich ein paar Hundert oder gar Tausend von ihnen zu sehen bekommt. Die meisten Bettelnden sitzen friedlich am Straßenrand und halten die Hand auf, meist an touristischen oder religiösen Orten, aber bettelnde Kinder können richtig lästig werden. Wer den Anblick von Armut und Elend (und verstümmelten Menschen) nicht verträgt, sollte nicht nach Indien fahren – oder sich auf eine durchorganisierte Tour mit Reisebegleitung und teuren Hotels verlegen.

 

 

 

Frühstück: In den von mir genutzten rund zehn Hotels schlicht ein trauriges Ereignis. Ein paar Scheiben Toast, etwas Butter und überall die klassische rote Einheitsmarmelade mit Erdbeer­aroma, homöopathisch dosiert; in den besseren Hotels gelegentlich ein Omelette, dazu Tee, Kaffee oder – die beste Wahl, aber für meinen Geschmack meist zu stark gesüßt – Chai, indischer Tee. Mit viel Glück und Hartnäckigkeit gibt es auch mal Honig. Orangensaft oder ähnliches jedoch erst wieder in Deutschland.

 

 

Ganges: Heilige Kloake der Hindus, zu der ich etwas wie das folgende Zitat gelesen habe: „Keine anständige Bakterie, die etwas auf sich hält, würde freiwillig da reingehen.“ Sie macht jedoch optisch einen erstaunlich guten Eindruck und trägt all die im Oberlauf schon in sie entsorgten Abwässer mitsamt deren buntem Zierrat nicht an der Oberfläche zur Schau. Ganz­körperbaden würde ich darin selbst in Rishikesh, wo der Ganges aus den Bergen in die Ebene eintritt, nur ungern, aber bis zu den Waden habe ich mich in Haridwar, einer heiligen Stadt 24 km weiter flussabwärts, hineingetraut.

 

 

 

 

 

Kühe: Heilige Scheißer, die durch ihre bloße Anwesenheit verkehrsberuhigend wirken, da sie selbst im dichtesten Verkehr nur stoisch mit dem Schwanz zucken, um die lästigen Fliegen zu vertreiben, anstatt ihren breiten Hintern von der Straße zu erheben; was alle anderen Verkehrs­teilnehmer zu spontanen Brems­manövern und aufmunternden Hupkonzerten veranlasst ... so dass die verkehrs„beruhigende“ Wirkung leider sehr einseitig bleibt. Hinterlassen Fladen unge­ahnten Ausmaßes, die, wenn achtlose Passan­ten sie nicht einfach platt­latschen, zumindest mancherorts gesammelt und als Brennstoff für Backöfen genutzt werden. Verleihen bestimmt ein besonderes Aroma, sind aber vor allem günstig zu haben.

 

 

 

Gehweg: Eine allerorts vorhandene Einrichtung, die aber nicht, wie in Europa, von Fußgängern zu benutzen ist, sondern von Händlern, Waren, Reklame­schildern, Blumenkübeln, Stühlen, geparkten Kühen, Autos oder Motor­rädern, von Laternenpfählen und Schlaglöchern in Beschlag genommen wird. Das gesamte Fußgängervolk drängt somit asylsuchend zu all den anderen Verkehrsteilnehmern auf die Straße, wo es sich – mangels Auspuff und Hupe – ganz unten in der Hackordnung befindet und wie gehetztes Wild versucht, den Attacken der beräderten Konkurrenz zu entkommen. Erstaunlicherweise fast immer erfolgreich.

 

 

 

Geisterfahrer: Dürfte in Indien ein unbekanntes Wort sein. Wen sollte es stören, wenn ihm mal ein paar Leute auf der eigenen Fahrspur ent­gegen kommen?

 

 

 

Gelassenheit: Inbegriff des Buddhismus und somit geistiges Grundnahrungsmittel der meisten Inder. Selbst im übelsten Stau wird zwar herzhaft gehupt, aber nicht geschimpft oder gar geflucht.

 

 

 

Lärm: Allgegenwärtig, ohrenbetäubend, auf Dauer einfach unerträglich. DER Grund dafür, dass meine erste Reise nach Indien auch meine einzige bleiben wird (von Ladakh o.ä. mal abgesehen). Und selbst dann würde ich nicht ohne Lärmschutzkopfhörer reisen – und vermutlich sogar eine Tröte, wie sie Fußballfans haben, mitnehmen, um wenigstens mitspielen zu können.

 

 

 

Motorradhelm: Eine Erfindung, deren Sinn und Zweck in Indien schlicht mit Missachtung gestraft wird. Einzig in Jaipur und manchen Bezirken New Delhis scheint ein Pilotprojekt zu existieren, das die Beförderung eines Helms weder am Lenker noch auf dem Gepäck sondern tatsächlich auf dem Kopf vorsieht.

 

 

 

Müll: Bunte Mischung bunter Verpackungsreste und anderer auf unterschiedliche Art auf die Straße gelangter Gegenstände. Bisweilen auch in Mülleimern anzutreffen, von dort jedoch ebenfalls nicht selten auf die Straße befördert. Wo dies nur mühsam und über den Umweg einer Bahnstation möglich wäre, nimmt man auch gern mit den Gleisen Vorlieb, um den nachfolgenden Zügen und ihren Führern das Auffinden des rechten (Schienen-)Weges zu erleichtern. Und die monoton grüne Landschaft mit lustigen Farbtupfern zu verschönern.

 

 

 

Nebeneinander: Kann sich auf die mehr oder weniger friedliche Koexistenz der diversen Reli­gionen oder das mehr oder weniger harmo­nische Zusammenleben von Eheleuten bezie­hen – aber ganz sicher nicht auf die Fort­bewegungsart zweier oder gar mehrerer Zeit-genossen zu Fuß. Siehe auch „Gehweg“.

 

 

 

Rückspiegel: Inder sind eine fortschritts­orientierte Nation und schauen lieber nach vorn als hinter sich. Außerdem legen sie zwecks millimetergenauen Navigierens die „Ohren“ ihrer rollenden Gefährte(n) an. Bei Tuktuks haben nach innen geklappte Rück­spiegel zudem den unschlag­baren Vorteil, die Fahrgäste besser beobachten zu können.

 

 

 

Sari: Außerordentlich schönes und farbenfrohes traditionelles Kleidungsstück, das allerdings in 15-20 Jahren aus den Städten verschwunden sein dürfte. Schon heute tragen etliche Mädchen und junge Frauen westliche Kleidung, und mittels Bollywood-Blockbustern wird das west­liche Vorbild millionenfach über die Leinwand direkt in die Herzen der Inder(innen) katapultiert.

 

 

 

Fortschritt und Globa­li­sierung ha­ben eben so ihre Risiken und Nebenwirkungen.

 

 

 

Selfies: Weltweite Leidenschaft, so auch in Indien, vorzugsweise mit exotischen Motiven, wie zum Beispiel westlichen Touristen, die sich so je nach Ort und Anlass bis zu 10 Mal am Tag für die eigenen Fotos im Gastgeberland revan­chieren „dürfen“. Widerstand zwecklos.

 

 

 

Straßenverkehr: Ein Phänomen, siehe auch „Gehweg“. Millimeterarbeit in Sekunden­bruchteilen ausgeführt, bei Dunkelheit vorzugs­weise ohne Licht. Folgendes Szenario ist absolut normal: Ein Tuktuk weicht links ein paar Fußgängern und zwei Hunden aus, davor überholt ein von links einbiegendes Moped einen Kleinlaster, der gerade ausgeladen wird, rechts steht eine Kuh auf der Fahrbahn, als ein besonders tiefes Schlagloch ein Ausweich­manöver erfordert, mit dem die Fahrbahnmitte deutlich überschritten wird. Auf der anderen Seite macht ein anderes Gefährt ein ganz ähnliches Manöver, und beide steuern nun zielstrebig frontal aufeinander zu – bis im letzten Moment beide Fahrer einen eleganten Schlenker machen, in eine für Westeuropäer unsichtbare Lücke im Verkehr ausweichen, und die ganze Sache sich geschmeidig in Wohl­gefallen auflöst. „No problem“, wie der Inder lächelnd zu sagen pflegt.

 

 

 

Zurück in der himmlisch hupfreien Wahlheimat, 

 

Nicole Luzar

 

 

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