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Reisen in Coronazeiten

 

Wir schreiben das Jahr 2020. Den Februar verbrachten wir noch glücklich und zufrieden in Leonidio. Danach waren weltweit die Grenzen dicht. Niemals hätte ich mir dies vorstellen können. Weder im vereinten Europa, noch in den demokratischen Ländern der Welt. Allein daran kann man sehen, wie zerbrechlich eine Demokratie ist, wenn sie von einzelnen Menschen bestimmt wird, die weitreichende Machtbefugnisse haben. Ich möchte nicht zu politisch werden, denn der Fokus in den nachfolgenden Blogartikel soll eindeutig auf dem Umgang und den Möglichkeiten liegen, wie wir mit der Situation umgehen, vor die wir unfreiwillig gestellt wurden.

 

Man kann natürlich ganz einfach sagen: „Dieses Jahr bleiben wir mal zuhause.“ Damit lebt man vermutlich gelassener. Doch es gibt auch Menschen, denen die Freiheit zu Reisen sehr viel bedeuet, ja vielleicht, wie in meinem Fall, sogar beruflich notwendig ist. Denn ohne Reisen und offene Grenzen, keine Kletterführer oder Kletterkurse.

 

 

Sommer 2020

 

Die Grenzen wurden, zumindst in Europa, glücklicherweise wieder geöffnet.

 

Es waren also zumindest, trotz des vielen schlechten Wetters, einige Alpintouren möglich.

 

Allerdings hatte man schon zu dieser Zeit immer das Gefühl, etwas „Schlechtes“ oder „Verbotenes“ zu tun. Die Einschränkungen auf Hütten, die Zusammenkünfte von Menschen aus veschiedenen Ländern, Einkaufen mit und ohne Maske, usw. Dabei leben wir in unserem Campingfahrzeug sowieso in häuslicher Quarantäne.

 

 

Herbst 2020

 

Noch ist es ruhig. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich die Lage wieder zuspitzen könnte und wir schleunigst nochmal unsere analogen Speicher für den kommenden harten Winter aufladen müssen, bevor wir wieder eingesperrt werden. Noch immer war das Wetter in den Alpen schlecht genug und so ging die Reise, wie so oft schon, in den südwestlichsten Bogen der Alpen und schließlich ins Verdon. Und wie immer hatten wir fernab jeglicher Menschenansammlungen jeden Abend einen tollen Übernachtungsplatz und fantastische Erlebnisse in einer grandiosen Natur.

 

Doch schon zu diesem Zeitpunkt hatte Corona die Menschen und die Gesellschaft nachhaltig verändert. Normalerweise bin ich bei meinen Routenrecherchen so gut wie immer allein in den Touren unterwegs. Doch der Zufall wollte es, dass eine französische Seilschaft vor uns war. Schon am Einstieg wurde mir ein grimmiger Blick zugeworfen. Nachdem ich anscheinend viel zu früh loskletterte wurde dieser noch finsterer, kurz vorm Stand, dann wild gestikuliert und geschimpft. Es war schnell klar: Hier bin ich sehr unerwünscht. Also bezog ich jeweils einen Haken unter ihnen Stand und verbesserte diesen, wo es ging mit einem Friend oder Schlinge. Das ganze war natürlich sehr unangenehm und ich wollte nicht ewig in der Sonne bruzeln. Denn es war heiß an diesem Tag und das Schneckenrennen in vollem Gange.

 

Die Franzosen waren schon zu diesem Zeitpunkt sehr diszipliniert. Genützt hat es leider nur wenig bis gar nichts, wie man im Nachhinein feststellen kann. Vernutlich sind es wie überall, einzelne wenige, die uns diese Misere bescheren. Denn egal ob auf feien Plätzen, in Supermärkten oder im Café, die Masken waren omnipräsent.

 

Die Fahrt ging zurück, vorbei an bunten Wäldern, die in schillernden Herbstfarben leuchteten. Die Festplatte prall gefüllt mit vielen unlöschbaren Eindrücken aus einem Sommer, wie wir ihn noch nie erlebt haben und der hoffentlich in dieser Form einmalig bleiben wird. Und als ob ich es geahnt hätte, kaum zuhause waren die Grenzen defacto wieder dicht.

 

 

Täglich gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Das Coronakarrussel war in vollem Gange. Weihnachten-Silvester – drei Wochen Ferien zuhause? Das konnte und durfte nicht sein. Täglich wurde eine neue Sau durchs Dorf getrieben, traten Verschärfungen in Kraft, die eigentlich keine waren aber die Bevölkerung einschüchtern sollten. Das Ziel wurde erreicht!

 

Verschiedene Freunde von uns wurden in Spanien als auch in Frankreich polizeilich nach Hause „komplementiert“. Als dann die meisten Länder bei der Einreise noch eine mehrtägige Quaranäne forderten und nächtliche Ausgangssperren verhängten, so dass es nicht klar ist, ob man im Campingbus übernachten kann, war bei uns die Entscheidung gefallen. Wir sind verdammt zum Nichtstun. Drei Wochen bei miesestem Wetter in der Fränkischen Schweiz. In Leondio zeigte das Thermometer derweil täglich zwischen 17 und 22 Grad. Kaum einmal ein Regentag.

 

Doch es gab einige abtrünige und mutige, die sich nicht wie wir einschüchtern ließen. Aber bekanntlich ist man nachher immer schlauer als zuvor. Sie verbrachten eine tolle Zeit in Griechenland, ohne auch nur eine einzige Kontrolle. Weder der PCR-Test wurde angeschaut, noch eine Quarantäne verhängt oder kontrolliert. Und auch tagsüber konnten sie sich frei bewegen. Wer soll diese Maßnahmen auch kontrollieren mit der übriggebliebenen, kaputtgesparten Polizeigewalt. Wütend über meine eigene Fehleinschätzung laufe ich wie ein Tiger in der Wohnung auf und ab.

 

 

Januar 2021

 

Mund abwischen und weitermachen, war also die Devise. Eigentlich wie immer! Sprich Flug buchen und nichts wie weg hier! Die Situation ist nunmal wie sie ist und wir müssen uns anpassen und darauf einstellen.

 

Schnell machten via facebook die Reisen von virtuellen Freunden die Runde. Die einen in Mexiko, andere im Oman, wo sich die Grenzen so langsam wieder öffnen. Zwar mit Quarantäneverordnung und Tests und was weiß ich nicht noch alles. Aber „who cares“, wenn man die Zeit zum Reisen hat.

 

Und mit einem gesunden Menschenverstand sollte doch jeder halbwegs vernünftige selbst entscheiden können, was für ihn im tolerablen Bereich liegt und für andere problematisch werden könnte. Wir können auch ohne Zwangsvorschriften aufeinander Acht geben!

 

 

Februar 2021 – Werden wir in Leonidio ankommen?

 

Die Flüge wurden wild hin- und hergebucht und einer nach dem anderen gestrichen. Ryanair kurz vor dem Konkurs und mit Lufthansa müssten wir Deutsche eigentlich bis an unser Lebensende kostenlos fliegen dürfen, so viel Steuergeld, wie wir dafür bezahlen werden. Ein Fluggutschein für jeden Deutschen wäre da mehr als angebracht.

 

Täglich werden Maßnahmen weiter verschärft, als ob man dieses Virus dauerhaft ausrotten könnte. Etwas anderes wird gar nicht erst in Erwägung gezogen. Die Kollateralschäden werden dabei nicht bedacht oder billigend in Kauf genommen.

 

 

4. Februar 2021

 

Endlich sind wir angekommen in unserem kleinen Sonnenparadies. Frühstück auf der Terrasse mit frisch gepflückten Orangen, und beim Klettern wärmt die Sonne angenehm die blasse Winterhaut. Nach ein paar Tagen ist der ganze Coronastress abgewaschen. Bis auf die allgegenwärtigen Masken läuft das Leben hier wie immer. Die Menschen gehen ihrer täglichen Beschäftigung nach und sind freundlich wie eh und je. Corona ist, genau wie bei uns in der Fränkischen auf dem Land, so gut wie nicht existent. Ein paar Vorsichtsmaßnahmen, das wars. Wie dumm wäre es gewesen nicht zu reisen, uns weiterhin einschüchtern zu lassen. Denn so lange die Musik spielt, tanzen wir. Sprich, irgendwann werden die Grenzen wieder zugehen und wir sind eingesperrt. Die Ostdeutschen kenn das noch.

 

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“.

 

Egal ob der Impfzwang durch die Hintertür kommt, die vielen Tests gezahlt werden müssen und aufs Budget drücken oder man in viele Länder erst gar nicht mehr einreisen darf. Wir werden damit leben und uns arrangieren müssen. Die Hoffnung, dass sich so schnell etwas ändert, habe ich nicht. Von gesellschaftspolitischen Auswirkungen gar nicht erst zu reden. Schon die blanke Anwesenheit eines Menschen in der Nähe macht manche nervös. Händeschütteln, Umarmungen, Veranstaltungen, etc. wird es auf viele Jahre hinaus nicht mehr geben.

 

Das gesellschaftliche Leben, wie wir es kennen, wird nicht mehr existent sein. Und wir sind erst am Anfang dieser bedrückenden Entwicklung.

 

 

Ich kann also nur jedem empfehlen, das zu machen was geht und zugelassen ist und was man sich selbst und damit auch anderen zumuten möchte. Denn das Leben wartet nicht auf euch! Es geht einfach weiter...

 

 

 

Leonidio, 14. Februar 2021

 

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