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Einblick in das Leben eines Kletternomaden

Fast ein Jahr sind wir jetzt mehr oder weniger in unseren Reisemöglichkeiten stark eingeschränkt.

 

Für einen freiheitsliebenden Menschen wie mich ist dies die Höchststrafe. Schon längst wollte ich mal einen Artikel über meine Zeit als Kletterführerautor aber noch viel mehr als Aussteiger aus unserer, als „normal“ angesehenen Gesellschaft schreiben.

 

Lockdown zur Jahreswende 2020/21, genug Zeit also dafür.

 

 

Wenn du mit 13 Jahren auf dem örtlichen Bolzplatz immer als Letzter in die Fußballmannschaft gewählt wirst, ist es Zeit dir Gedanken zu machen, ob dies der richtige Sport für dich ist.“

 

 

Glüklicherweise ging meine Familie Winter, wie Sommer in die Berge und so wurde mir das Skifahren und Klettern quasi in die Wiege gelegt. Sommer für Sommer fuhren wir in die Dolomiten. Doch immer nur die hohen Wände zu umwandern oder mich über Klettersteige hochzuhangeln, war mir dann irgendwann doch zu langweilig. Und so widmete ich meine Zeit erstmal den „schönen Dingen“ des Lebens und genoß die Zeit meiner unbekümmerten Jugend in allen Zügen.

 

Der Zufall kam mir zu Hilfe, als mich ein Freund überredete mit ihm an den Gardasee zum Mountainbiken zu fahren und er mir ein damals neuartiges Geländefahrrad besorgte.

 

Arco! Da war doch was? Google & Co gab es noch nicht. Aber ich hatte im Hinterkopf, dass man dort Klettern konnte. Also schlug ich einen „Deal“ aus Klettern und Mountenbiken vor. Die Kletterausrüstung besorgte ich für uns und ab ging die Post. Aus dem Kasettenrekorder dröhnte die rauhe Stimme von Gianna Nanini. „Autostrada“...

 

Unsere Ausrüstung bestand aus einem löchrigen Zelt, dass jeden Abend vom Gewitter etwas mehr „zerstört“ wurde und einem einfachen Gaskocher. Ein Freund hatte noch einen 30 Meter langen Strick im Keller, den man im Winter wohl eher als Schal verwendet hätte, 6 Expresschlingen, 3 Keile und „EB'S“. Die ersten Kletterschuhe, die es so gab.

 

Wir hatten keine Ahnung aber dafür viel jugendlichen Übermut und Gottvertrauen. Zügig liefen wir in den linken Teil der Sonnenplatten, wo sich die kürzeren Routen befinden. Der erste Keil baumelte schon nach wenigen Metern im Seil nach unten. Die Knie zitterten wie eine Nähmaschine aber am Ende des Tages fühlten wir uns wie Helden der Berge.

 

Der nächste Tag brachte die nötige Abwechslung auf dem Fahrrad. Tremalzo...

 

Leider wurde mein Ski- und Bikefreund nicht so recht „warm“ mit Klettern. Ich erinnere mich noch gut an einen Abend im heimischen Klettergarten, wo die „Alpinis“ unter den Sportkletterern im Herbst einige Touren an den Drei Zinnen und der Tofana planten. Für mich allesamt bekannte Berge und wie gerne wäre ich mitgekommen. Aber laut ihren Aussagen war ich noch nicht „gut“ genug unterwegs für solche Touren. Glücklicherweise war gerade ein anderer Freund ohne Seilpartner und so fuhren wir ebenfalls für einige Herbsttage zu den „großen Bergen“. Gelbe Kante, Tofanapfeiler. Uns konnte nichts aufhalten. Und auch in der Folge lag es meist an mir das scharfe Seilende nach oben zu bringen. Später blieb mir dazu der Spruch von Riccardo Cassin in den Ohren: „So lange ich jung war, so bis 60zig, ging ich nie als Seilzweiter“.

 

Sehr selten gab es die Gelegenheit den Vorstieg und die Verantwortung in schweren Touren einmal abzugeben. Das formt einen Menschen. Im Positiven, wie im Negativen. Man wird zum „Alphatier“, das sein „Rudel“ führt. Beruflich mag das Vorteile haben. Privat eckt man jedoch öfter auch mal an. Eine Meinung zu haben und diese auch noch öffentlich kund zu tun, ist nicht immer und überall gerne gesehen. Zumindest nicht, wenn man nicht mit dem Strom flußabwärts schwimmt und mit allem einverstanden ist.

 

Nicht selten bließ mir eine „steife Brise“ ins Gesicht und es braucht zuweilen schon ein dickes Fell, um nicht wie ein trockener Strohhalm im Wind einzuknicken.

 

Wie hätten wir etwas in der Führerliteratur verändern können, wenn wir nicht unseren eigenen Weg gegangen wären?“

 

Die Geschichte, wie es überhaupt dazu kam, könnt ihr hier nachlesen: „Wer suchet der findet“.

 

Bald drei Jahrzehnte ziehe ich nun jeden Sommer durch die Alpen. Immer auf der Suche nach lohnenden Touren für meine Kletterführer. Waren es früher noch die großen Klassiker der Alpingeschichte, so sind es heute immer mehr die „zeitlosen“ Routen, die noch viele Generationen nach mir, mit ihrem fantastischen Fels begeistern werden. Die Zeiten von edlem Karwendelbruch oder heroischen Marmoladatouren sind für mich längst passé. Gößte Freude bereiten mir nach wie vor die puren, selbst absicherbaren Risslininen. Und mit der Erfahrung aus nunmehr über 30 Jahren und 1000 Alpintouren im Rucksack auch keinen Stress mehr. Es ist der pure Genuss und die Freiheit, wie ich sie mir vorstelle, diese Routen klettern zu dürfen. Zu Reisen, das Leben zu genießen, ganz ohne die alltäglichen Zwänge.

Schnell wurde mir klar, welche Vorzüge dieses Leben für mich haben würde. Bis heute bin ich ein Glückspilz, so leben zu dürfen. Doch entweder hat man reiche Eltern, ist Millionär oder man muss akzeptieren mit wenig auszukommen. Letzteres war mein Schlüssel zum Ausstieg und zur Zufriedenheit.

 

Berge sind stille Meister, und machen schweigsame Schüler“, sagte einmal Johann-Wolfgang von Goethe.

 

Doch wie muss man sich so ein Leben vorstellen? Vom Müsiggang wandern keine Brötchen in den Einkaufswagen. Nach wie vor muss in unserer Gesellschaft noch eine Einkommensquelle erschlossen werden. Bei mir sind es die Bücher, Kletterführer oder Gelgenheitsjobs, die für ein zwar niedriges Einkommen sorgen aber mir nach wie vor die Möglichkeit geben, so zu leben und zu reisen. Auf den Staat zu vertrauen, funktioniert leider nur bedingt. „Harzt IV und der Tag gehört dir“, ist leider nur ein cooler Spruch.

 

Als ich vor vielen Jahren meinen Job als Exportleiter kündigte, waren Mitarbeiter und Familie fassungslos. „So einen Top-Job kann man doch nicht einfach kündigen“. Doch ich konnte! Und es war die Beste Entscheidung meines Lebens. Noch heute schaue ich täglich aus meinem Fenster in den nahen Wald und auf die Felsen des Glücks und denke mir: Was hatte ich doch für ein Glück, diese Entscheidung getroffen zu haben und in Freiheit, selbstbestimmt leben zu können, so wie ich es mir vorstelle. Zu Klettern wann ich möchte, ausschlafen und das Frühstück genießen. Und arbeiten, wenn es regnet. Wie sagte Karl Valentin einmal: „Ich freue mich wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es trotzdem“.

 

 

 

Ein zufriedenes und gleichzeitig erfülltes Leben zu führen ist für mich der Schlüssel, um glücklich zu sein. Ich kann jeden nur dazu ermuntern es zu probieren, sich von gesellschaftlichen Zwängen und Denkweisen zu lösen. Das Leben ist zu kurz für später!

 

Meine Mutter starb mit 58. Erst einmal in Rente, wollte sie reisen und „Leben“...

 

Das brachte mich früh zum Nachdenken. Und das tut es bis heute. Sich immer wieder zu hinterfragen, ob man noch auf dem für sich „richtigen“ Weg ist, gehört zum Leben, wie das tägliche Brot. Unzufriedenheit macht unglücklich und krank. Einsamkeit ebenfalls!

 

Darauf zu vertrauen, dass andere es richten bringt nur Stillstand. Nur du allein kannst deinem Glück etwas auf die Sprünge helfen und versuchen, es positiv zu beeinflussen und zu gestalten. Tue etwas was dich gücklich und zufrieden macht und lass dich nicht so einfach von deinem Weg abbringen. Setze die Segel und strecke deine Nase in den Wind. Er wird dich dorthinführen, wo du glücklich bist.

 

 

 

Betzenstein, an einem Hochwinterarbeitstag.

 

topoguide.de

 

Volker Roth

 

 

 

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