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Götterwanderung mit dem Teufel im Nacken

Sommerurlaub 2020

Lange haben wir gebibbert, ob sich die Grenzen überhaupt öffnen würden. Wie würde es auf den Hütten ausschauen? Und wie wird das Sommerwetter. Gedanken eines Führerautors, der sich natürlich wie viele andere auch mit den Folgen des Corona-Lockdowns arrangieren muss.

 

Angesichts der Wetteraussichten war wie fast immer nur ein kurzer Zwischenstopp in der Schweiz möglich, bevor die Fahrt, genau wie in den letzten Jahren auch, weiter gen Süden ging. "Same proceedure"...

Urlaubstage sind kostbar und jeder wetter- oder verhauerbedingte "verschenkte" Tag ist unwiderbringlich weg.

Nach über 1000 Alpintouren ist die Auswahl nicht mehr ganz so leicht, vor allem wenn bestimmte Kriterien erfüllt sein sollen.

Dazu zählen natürlich fester, griffiger Fels, eine gute Absicherbarkeit, etwas Ambiente fürs Auge soll auch dabei sein. Und natürlich viiieeel Sonne...

 

TAG 1

Dauphiné. Vorbei am Refuge des Bans (übrigens sehr gut bewirtet!) wollen wir noch eine "kleine" Nachmittagsrunde an der Coste Counier drehen. Der aufkommende Schauer hielt uns allerdings dann doch länger in der Hütte fest und so wurden es nur ein paar Seillängen. Immerhin genug für einen ersten Eindruck, der uns angesichts der vielen bevorstehenden Laufarbeit für die nächsten Tage noch am selben Tag wieder absteigen ließ.

Das die Zustiege nicht wie angegeben in einer guten Stunde bis 1.30 Std. zu haben sind, hatte sich inzwischen im Netz herumgesprochen. Das die Felsqualität jedoch etwas "monoton" daherkommt noch nicht.

Also doch erstmal wieder Ausweichtourenklettern in Ailefroide. Dort gibt es fast immer Vier- bis Fünfsternekletterei bei einem erwähnenswert positiven Zustiegs/Kletter-Quotienten. Nachdem uns beim letzten Mal ein Regenguss aus der Voie Éteinte gespült hatte, sollte es diesmal mit der ersten modernen Route, die in Ailefroide Mitte der 80ziger eingebohrt wurde, klappen. Eine tolle Mischung aus alpiner und Genusskletterei und eine der wenigen Möglichkeiten in Ailefroide mit seinen Friends "gassi" zu gehen. 

Das machte Lust auf "Mehr" und so machten wir uns gleich am nächsten Tag wieder auf, an eine der ganz wenigen Cleanrouten von Michel Cambon im Sektor Engilberge. Nicht lang, dafür intensiv. Kaum wiederholt. Prädikat: Sehr lohnend!

 

 

TAG 2

"Grand beau" versprach der Wetterbericht für die nächsten drei Tage. Jacka! Nachdem ja bekanntermaßen nicht übermäßig viele Genusstouren in unseren Führern zu finden sind, wollte ich - eigentlich wie immer - wiedermal einen Versuch starten. Wir waren früh in der Saison, die Gletscher noch reichlich schneebedeckt und unter der Woche sollte es auch nur wenige 4000er Aspiranten auf der Ecrinshütte haben. So dachten wir...

Der Zustieg am wilden Gletscherbruch vorbei war erstaunlich schnell erledigt und so standen wir nach gut drei Stunden an der Hüttentheke. Leider gab es bei der Buchung anscheinend ein "Verständigungsproblem" und so durften wir nur eine Nacht bleiben. Schock! Und das bei drei Tagen mit bestem Bergwetter. Naja, was konnten wir tun - außer es kopfhängend hinzunehmen. Beim Anblick des Felses an der Pointe Louise lief mir das Wasser im Mund zusammen. Doch je näher wir am nächsten Morgen kamen, desto nachdenklicher wurde ich. Auf den Fotos sah ich immer nur den Toastbrotgranit. Doch nicht die 5-8 unteren Längen, die über glattgeschliffenen, brüchigen Hochgebirgsgranit verlaufen. Mit in die Jahre gekommenen, verzinkten Bohrhaken,  in durchaus ordentlichen Abständen, war die Route auch nicht gerade "übersichert". Also wieder kein Plaisir- oder Genuss für Einsteiger. Das braucht kein Mensch! Doch der Erstbegeher ließ sich anscheinend nicht irritieren und bohrte gleich fünf Routen in ähnlichem Stil dort oben ein. Ob diese Wiederholer finden? Jedenfalls war noch eine weitere Seilschaft in der "Super Michele" zugange, die angeblich den besten Fels aufweisen sollte. Naja...

 

TAG 3

Nach einigen weiteren Plaisirtouren in Ailefroide zog es uns  in die Meeralpen. Dort schlummerte noch so einiges im Tourenordner und zu meiner Überraschung wurde der Spigolo Maria Grazia am Rocca Castello einem Facelifting unterzogen. Das war mal ein Volltreffer! Genuss vom Feinsten. Die Friends mussten auch keine Trauer tragen und bekamen ihre Einsatzzeiten.  Dazu gebohrte Stände, fester, herrlich griffiger Fels. Was will man mehr?

Einen genialen Übernachtungsplatz mit Ausblick vielleicht? Natürlich inklusive! Solche Tage sind gezählt!

TAG 4

Es sollte ein Zwischenstopp auf der Rückreise werden.

Meteo Schweiz versprach eine Woche, nahezu durchgehend brauchbares Bergwetter mit einzelnen abendlichen Gewitterchen. Doch Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen...

Aber erstmal zu unserer Steinbruchaktion. Kein schöner Ausblick aber vielleicht ja die Kletterei...?

Der Zustieg zur Punta Ostanetta wurde mit 30-40 Min. angegeben. Die Kletterei sollte über tollen, rissigen und gut strukturierten Granit verlaufen. Das wollte ich doch mal selbst überprüfen. Nachdem allerdings nach über einer Stunde klar wurde, dass wir sicher nochmal genausolange marschieren würden, wurden wir stutzig und traten den frühzeitigen Rückzug an. Solche Angaben kenne ich zur Genüge und am Tag zuvor wurden sie uns schoneinmal  an der Cima Tavels zum "Verhängnis". Auch dort die gleiche Megauntertreibung mit einer katastrophalen Routen- und Zustiegsbeschreibung. Nur die Warnhinweise, dass es dort, trotz 30 Grad im Tal fast immer saukalt sein sollte, trafen voll ins Schwarze...

TAG 5

Nach unserem Schwoaba-Erlebnis" am Winterstock, (ich berichtete in einem vorigen Artikel ausführlich darüber.) sollte dann doch noch etwas Versöhnliches her. Rissig sollte es sein und relativ stressfrei. Die Wahl fiel auf die "Savoir vivre". Der Name versprach Gutes. Die Sanierung und Kommentare im Netz ebenfalls. Zwar ist die Einstiegsplatte gleich mal ein Riesen-sch...doch die Kletterpassagen auf den nächsten 5-6 Längen überzeugen zur vollsten Zufriedenheit. Wenngleich die Friends wieder die meiste Zeit traurig am Gurt baumelten. Aber was solls. Riss ist Riss und wenn die Hand saugend drinnen klemmt, kann man darüber schonmal hinwegschauen. Die Headwall dagegen ist nett aber nach solch spektakulärer Kletterei ist die Luft dann doch etwas raus.  Drei bis vier Sterne wurden es dann doch. Und nach 4 statt der angegebenen 5-7 Stunden standen wir schon wieder am Einstieg und wenig später am Kaffeetisch.

Doch wie war das mit den Wetterprognosen schnell wieder...?

Also noch einen Vormittag Genuss am Pfriendler und dann ab auf die Autobahn in die falsche Richtung.

Fortsetzung folgt - garantiert!

Und wer auf Qualität wert legt, schaut mal in unsere "Topoguides".

 

Wie gerne hätte ich auch mal so ein Buch, mit dem ich unterwegs sein kann....

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