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Klettern im Elbsandsteingebirge - Ein Nachruf

 

Quo vadis Elbsandstein?

 

Seit vielen Jahren bin ich im Elbsandsteingebirge zum Klettern unterwegs. Von den langen Feiertagswochenenden mal abgesehen, waren wir meist allein oder maximal mit einer weiteren Seilschaft am Fels. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch angesichts der Weltklassekletterei, die aufgrund der prekären Absicherung so vielen Kletterern vorenthalten wird, ist dies jammerschade.

 

 

Sing mein Sachse sing...

 

Traditionell herrscht am Himmelfahrtswochenende „Aus-nahmezustand“. Doch außer im Bielatal oder vereinzelten anderen „Modegipfeln“ wird man kaum jemanden treffen. Hier und da mal ein Männerchor. Dort mal eine Gruppe die zum „Boofen“ geht und der alten Romantik mit Gitarre und Lagerfeuer frönt. Doch selbst das wird immer reglementierter und auch die letzten Idealisten werden bald aus diesem Paradies vertrieben werden.

 


 

Das weltweit größte alpine Freilichtmuseum

 

Ich komme mir dort vor, wie in einem riesengroßen Alpinmuseum. Hier und dort trifft man mal einen „Museumsbesucher“. Aber ohne sachkundige „Führung“ oder einen unerschrockenen Vorsteiger wird und kann dort niemand unterwegs sein. Kein Wunder. In den allermeisten Touren trägt man seine „Haut zu Markte“. Und wer will das schon?

 

Kaum zu glauben, was hier schon zur vorigen Jahrhundertwende geklettert wurde. Und im wahrsten Sinne des Wortes sehr frei...

 

 

Der „Lohn der Angst“

 

Doch der „Lohn der Angst“ ist hoch. Weltweit gibt es kaum Routen, die so einprägsam sind und niemals mehr auf der Festplatte gelöscht werden können. Aus absolut eigener Kraft einen Gipfel auf diesen phantastischen Routen zu ersteigen ist einmalig. Nur bei sich selbst zu sein. Nicht selten „free solo“ mit hohem Verletzungspotenzial. Dem Partner absolutes Vertrauen zu schenken, dass er im falschen Moment das richtige tut. Doch über weite Strecken ist er oder sie meist nur Seilhalter und kann nur hoffen, daß er seinen Vorsteiger nicht fliegen oder im Dreck landen sieht. Sonst darf er sich, wie bei einer Sternschnuppe etwas wünschen. Man muss es wirklich so krass darstellen. Doch am Ende des Tages kehrst du um viele Erlebnisse reicher zurück und eine tiefe Freude und Zufriedenheit erfüllt dein Innerstes.

 


 

Erfahrungsbildung braucht Zeit

 

Im Elbsandstein ankommen kostet Zeit und benötigt Erfahrungsbildung. Das dies nicht mit wenigen Besuchen abgeschlossen ist, liegt genau wie beim Alpinklettern auf der Hand. Doch nach einigen Jahren wird man sich dann hoffentlich mit vielen tollen Erlebnissen belohnen.

 

 

 

 

Hier geht es erst mal nicht um Zahlen

 

Um sich dort selbstständig zu bewegen, bedarf es, wie schon erwähnt viele Jahre alpiner Erfahrung oder einen Gebietskenner, dem man sich anvertrauen kann. Und selbst dann bäckt der Bäcker erst mal sehr kleine Brötchen. Es kommt auch nicht auf den Schwierigkeitsgrad an. Es sind die Wege, die puren Linien und der geniale Fels, die begeistern. Risse, Verschneidungen, Kamine, Reibungsausstiege und nicht zu vergessen, die tollen Wandstrukturen sorgen für Abwechslung, die es sonst auf so engem Raum selten gibt. Das allein erfordert schon den kompletten Kletterer und die Anbringung der mobilen Absicherung erst recht. Ufos machen zwar das Leben leichter und sicherer aber auch das will gelernt sein und praktiziert werden. Und meist gibt es in den unteren Graden keinen doppelten Boden oder back-up mit Ringen, die so fett sind, dass sie fast einen Elefanten halten würden. Leider gibt es halt wenige Ringe und wennschon in solch großen Abständen, daß ein „Dustdiver“ fast immer im Bereich des Möglichen liegt.

 

 

Hier zu klettern ist etwas elitäres

 

Doch mir scheint es ganz so, als ob selbst altgediente Lokals dem Gebiet nach und nach den Rücken kehren und nach Franken oder auf die halbwegs gut gesicherten Tschechischen Gebiete ausweichen. Was zurückbleibt ist der Sand und Staub. Und einige wenige, die ihr „Elbi“ so sehr lieben und andere, die es versuchen „kaputtzuschützen“ und protektionieren, bis sie endgültig, wie zu Coronazeiten, allein auf weiter Flur unterwegs sind.

 

 

 

Perestroika

 

Es ist mühsig anzuklagen oder Gründe zu suchen und Möglichkeiten zu erörtern, etwas an der Absicherung ändern zu wollen oder wenigstens zu verbessern.

 

Die „Perestroika“ an der Johanniswacht war ein kläglicher erster Versuch, der im Keim erstickt wurde. Ein Rohrkrepierer sozusagen. Immerhin wurden die Türme mal kurz wieder beklettert, bevor die Zustiege und Wege sich wieder renaturieren.

 

 

Einsamkeit und Erlebnis garantiert!

 

Möchte man dort klettern, muss man es eben nehmen wie es ist. Ich habe mich damit abgefunden und wurde reich mit Eindrücken belohnt. Auch wenn die Sehnsucht nach dieser Stille und Einsamkeit und den grandiosen Wegen riesengroß ist, versuche ich die Besuche in homöopathischen Dosen zu dosieren, um so das Risiko wenigstens statistisch über die Zeit zu strecken.

 

Doch wie gerne würde ich die eine oder andere Route gerne Menschen zeigen, die sich dafür begeistern können! Genauso wie Freunde und Bekannte sie mir gezeigt haben. Das Gebiet wird sicher niemals überlaufen oder überrannt werden, wie es viele Lokals früher befürchtet haben. Und immer noch in Panik geraten, wenn sie so machen „ausgelatschten“ Weg sehen. Wir klettern eben im weichen Sandstein. Und irgendwann werden die Türme und mit ihnen die Menschen verschwinden, ähnlich wie sie entstanden sind.

 

 

Führungen und Coaching

 

Wer sich einmal von dieser Landschaft und Kletterei verzaubern lassen möchte, dem zeige ich gerne die schönsten Routen und die Basics. Wir finden sicher einen Termin für ein Weltklassewochenenderlebnis oder ein paar Tage im vielleicht schönsten kleinen Gebirge auf diesem Planeten.

 

 

 

Mein liebes Elbsandstein – nun ruhe in Frieden.

 

Bad Schandau, Mai 2020

 

 

 

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