uns einig, irgendetwas musste falsch gelaufen sein – aber was? Schließlich kletterten wir doch locker den VII. Grad im Klettergarten – meist on sight! Und jetzt dieses Dilemma im Fünfer?! Haken für einen Rückzug gab es nicht, und die dunklen Wolken drohten mit Gewitter. Alpine Touren stellen anscheinend etwas andere Anforderungen als der heimische Klettergarten...
Auch bei den nächsten Touren schreckten uns immer wieder das schlechte Wetter, die grausige Absicherung an Rostgurken – und dann noch der beschwerliche Zu- und Abstieg. Schließlich waren wir uns einig:
lieber wieder zum Sportklettern an den Gardasee! Hier gab es einen 5-Minuten-Zustieg, einige harte moves und nach der Pizza am Abend ein gemütliches Bett.
Die Sportklettertouren dort waren zwar schön – nur
die intensiven Erlebnisse fehlten.
In der Szene munkelte man über bohrhakengesicherte Touren in den Schweizer Alpen mit kurzem Zustieg und bequemem Abseilen? Keine Rosties oder beschwerliches
Rucksackschleppen, keine Probleme mit der Routenfindung – und die Einstiege seien sogar markiert. Sollten wir noch mal einen Versuch wagen?
Wir gingen auf Entdeckungsreise und tatsächlich: Wir fanden das
gelobte Land!
Nagelneue Edelstahlbohrhaken, und wenn dazwischen der Abstand mal etwas weiter wurde, beruhigte ein Friend die Nerven. Es gab keinen Verhauer, und wir waren lange vor Einbruch der Dunkelheit
wieder im Tal: ein perfekter Klettertag!
Es wurden immer mehr Touren erschlossen, Kletterer aus aller Herren Länder eilten herbei um das Unglaubliche zu bestaunen und zu genießen. What a wonderful world…
Eines Tages lauschten wir auf einer Hütte dem Gespräch zweier alter Hasen. Es ging darum, eine Route „by fair means“ zu begehen, es ging um Meilensteine der Alpingeschichte und um die Zukunft des Alpinismus
im Allgemeinen.
Von was sprachen diese Jungs – sollten unsere ersten Schritte in den Bergen etwa doch der richtige Weg gewesen sein? Waren wir jetzt etwa in eine Sackgasse geraten? Also gut, Friends
konnten wir mittlerweile legen, und wir waren bereit für einen neuen Anlauf. Wir mussten uns ja nicht gleich mit alpinen Kletteridolen vergangener Zeiten messen... obwohl auch sie alle nur mit Wasser gekocht haben!
Der erste Versuch war gar nicht schlecht, die Route ließ sich nahezu auf Anhieb finden, und wir richteten sogar einige Standplätze selbst ein. Wow! Glücklich und zufrieden schlenderten wir, stolz auf unsere
Tagesleitung, zu Tal.
Es war eine ganz neue Erfahrung, aus eigener Kraft, auf uns allein gestellt, eine Route zu durchsteigen. Hiermit begann ein neuer Abschnitt, und es rückten Ziele in den Vordergrund,
an die wir vor wenigen Monaten noch gar nicht gedacht hatten.
Einzig die Ausdauer und Kletterfertigkeiten waren noch verbesserungswürdig. Schließlich sollten doch viele alpine Seillängen im VII. oder gar
VIII. Grad – auch mit einem anhänglichen Begleiter auf dem Rücken – an einem Tag bewältigt werden. Eigentlich gut, dass man nur während weniger Sommermonate in den Alpen klettern kann und genug Zeit für das Training im
Klettergarten bleibt. So steigerten wir allmählich unser on sight-Niveau, und bald gelangen auch Psychotouren mit weiten Hakenabständen ohne „Nähmaschine“. Selbst ein wegbröselndes Steinchen brachte uns nicht mehr aus
dem Konzept.
Die Zeit war reif für die ganz großen Alpin-Klassiker! Auf einmal rückten Ziele an der Dru, der Marmolada oder dem Agnèr in den Bereich des Möglichen. Die Planung mit den spärlichen
Informationen, das Ungewisse, was auf einen zukommt, erzeugt Hochspannung. Mit dem Vertrauen in die eigene Erfahrung und das nötige Kletterkönnen löst sich jedoch vieles erstaunlich einfach. Wir sind fit, fühlen uns gut
und stehen deutlich über den Dingen. Wir haben alles im Griff, im wahrsten Sinne des Wortes, alles läuft wie am Schnürchen. Ein perfekter Klettertag! Das hatten wir doch schon mal?
Was waren das für
Erlebnisse, als wir auf dem Gipfel des Agnèr oder der Dru standen, abgekämpft, aber überglücklich, diesen Weg beschritten zu haben!
Die Agnèr-Nordkante war für uns übrigens der Auslöser, das bisher nur
sporadische Topozeichnen konsequent fortzusetzen und durch den Verkauf über das Internet die fast 200 Euro wieder „hereinzuholen“, die uns der Verlust unseres Autoschlüssels in der Tour gekostet hatte – aber das ist
eine andere Geschichte.
Aus dem anfänglichen Korrigieren wurden also eigene, detaillierte Topos und genaue Beschreibungen. Aber auch das beste Topo ist natürlich nur so gut, wie der Kletterer, der es
anwendet, und es kann nicht die nötige Erfahrung oder den alpinen Spürsinn ersetzen, die man sich im Laufe der Jahre mühsam aneignen muss. Eine selbst abzusichernde alpine Risstour im VII. Grad stellt eben andere
Anforderungen, als ein Klettergarten-VIIer, ganz zu schweigen von der Routensuche in unübersichtlichem Gelände.
Obwohl wir zu Beginn jeder Klettersaison eine seitenlange Liste großer Traumziele hatten,
merkten wir bald, dass ein umfangreicher Vorrat an kürzeren Ausweich- und Schlechtwettertouren mindestens genau so wichtig ist, und dass sie letztlich – notgedrungen – meist den Hauptanteil im Tourenbuch ausmachen. So
ergibt sich fast zwangsläufig eine bunte Mischung aus Klassikern, Genuss-, Plaisir- und Sportklettertouren. Doch empfinden wir diese Abwechslung zwischen den verschiedenen Spiel- und Gesteinsarten keineswegs als
„störend“ – im Gegenteil: Sie hält das Abenteuer Klettern stets lebendig!
Wer dagegen nur im Kalk oder im Granit klettert, ausschließlich Sportklettertouren an der Leistungsgrenze oder bestens gesicherte
Plaisirtouren unternimmt, verpasst den Reiz der Vielfalt und riskiert, dass diese „schönste Nebensache der Welt“ doch einmal langweilig wird. Mittlerweile kommen wir übrigens gerne wieder zurück in die Schweiz, um ein
herrliches „Plaisir“ in einer fantastischen Umgebung zu klettern,